
Seinen Ursprung hat der Panafrikanismus in der Sehnsucht der Nachfahren der als Sklaven verschleppten Afrikaner nach ihrer verlorenen Heimat. Mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Bewegung zu einem wachsenden Widerstand gegen die koloniale Zerstückelung des Kontinents. In den 50er Jahren wurde er unter dem ghanaischen Freiheitskämpfer und späteren Staatspräsidenten Kwame Nkrumah zu einem alternativen Konzept von Freiheit für Afrika. Als Nkrumah 1957 die ehemalige Goldküste vom britischen Joch befreite, begeisterte er die Menschen in Afrika, die gegen Kolonialismus aufstanden und überall auf dem Kontinent Freiheit forderten. Nkrumah war der festen Überzeugung, dass nationale Unabhängigkeit allein nicht ausreiche. Er setzte seine ganze Energie darein, ein vereinigtes Afrika auf den Weg zu bringen. Ein anderer großer Panafrikanist, der ehemalige tansanische Staatspräsident Julius Nyerere, erinnerte mit Bedauern an die verloren gegangene Vision eines geeinten Afrika: "Kwame Nkrumah war ein großer Verfechter der afrikanischen Einheit. Er schaffte es nicht. Dafür ein Grund: die nationalistischen Kollegen Staatchefs hatten Nkrumah nicht akzeptiert und wie er selber sagte: zu viele von uns hatten ein wohlerwogenes Interesse, Afrika geteilt zu halten."
1.1 WurzelnDer Panafrikanismus kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, die bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht. Sein Ursprung lag in der Neuen Welt und nicht in Afrika selbst. Von der Brutalität der Sklaverei in beiden Amerikas und der Karibik erniedrigt und gedemütigt, sehnten sich die Menschen afrikanischen Ursprungs nach ihrer Heimat, die für sie Würde und Freiheit bedeutete. Prince Hall, ein schwarzer Pfarrer in Boston, ersuchte 1787 bei den Abgeordneten der USA um Hilfe für die Rückführung Schwarzer nach Afrika; vergeblich. Ein anderer Schwarzer aus Boston, der Quäker und Schiffsbauer Paul Cuffe nahm die Sache schließlich in die eigene Hand. Vierzig Schwarze segelten auf einem seiner Schiffe über den Atlantik und ließen sich in Sierra Leone, jenes Territorium, das von den Briten für geflohene oder freigelassene Sklaven vorgesehen war, nieder.
1.2 Die Formen des Panafrikanismus1.2.1 Die "Repatriierung
Die "Repatriierung" war umstritten, vor allem unter den freien Schwarzen im Norden der USA des neunzehnten Jahrhunderts. Frederick Douglass z.B. befürchtete, dass dadurch die schwarzen Amerikaner niemals ihre Rechte erhalten würden. Die Bemühungen der American Colonization Society - ein weitgehend von weißen Liberalen beherrschter Verein - führten zu einem weiteren Sklavenrefugium: Liberia. Ehemalige Sklaven kehrten auch aus Brasilien und der Karibik nach Afrika zurück.
1.2.2 Die rassistischeDie rassistische Vorstellung von weißer Überlegenheit und afrikanischer Minderwertigkeit wurde herausgefordert. David Walker z.B. veröffentlichte 1829 einen Aufruf, der den Blick auf Afrikas glorreiche Vergangenheit, einschließlich des alten Ägyptens, lenkte. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden diese Gedanken von James "Africanus" Beale Horton und James "Holy" Johnson aus Sierra Leone und Edward Blyden aus Liberia in Afrika verbreitet. Rastlos kämpften sie gegen Rassismus und britischen Imperialismus. All diese frühen Panafrikanisten orientierten sich gleichwohl an Europa und Amerika: Sie wollten unabhängige afrikanische Nationalstaaten schaffen.
1.2.3 Der Kongress von Berlin und die Aufteilung Afrikas1884 trafen sich europäische Mächte zum Berliner Kongress. Sie einigten sich dort über die Aufteilung Afrikas. Diese unverhohlene Schacherei um Afrika verlangte dringend nach einer panafrikanischen Antwort. 1886 erklärte George Charles, Präsident der African Emigration Association, vor dem US-Kongress, seine Organisation plane die Bildung der Vereinigten Staaten von Afrika. Panafrikanisten veranstalteten 1893 in Chicago ihren eigenen Afrika-Kongress. Dort verwarfen sie die Aufteilung Afrikas und debattierten über die französische Bedrohung der Unabhängigkeit von Liberia und Abessinien. Diese neu organisierte Solidarität brachte 1897 die African Association hervor. Die Schlüsselfigur war Henry Sylvester Williams. Ihn könnte man den Großvater des Panafrikanismus nennen. Er war in Trinidad geboren, hatte in London Rechtswissenschaft studiert und dort auch 1900 die erste panafrikanische Konferenz eröffnet. Wie schon bei den frühen panafrikanischen Treffen kamen auch diesmal die meisten Teilnehmer aus der Karibik, den beiden Amerikas oder aus der europäischen Diaspora und nur wenige aus Afrika selbst. Die Delegierten sprachen über die Bildung einer Bewegung, die für die Rechte der afrikanischen Völker eintreten sollte. Sie richteten eine Petition an Königin Victoria, in der sie die Behandlung der Afrikaner in den britischen Kolonien anprangerten.
1.2.4 Garvey und DuBoisDie beiden Großen des Panafrikanismus in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lebten in den USA: Marcus Garvey und W.E.B. DuBois. Marcus Garvey hatte seine Jugend in Jamaika verbracht. Dort gründete er die Universal Negro Improvement Association (UNIA), hatte jedoch wenig Erfolg. Der stellte sich 1916 in New York ein. In Harlem fanden seine Gedanken über schwarzen Stolz sofort Anklang. Seit 1920 nannte man ihn den Schwarzen Moses. Damals organisierte er eine internationale Versammlung mit Delegierten aus 25 Ländern und marschierte an der Spitze einer Demonstration von 50.000 Schwarzen in den Straßen von Harlem. Seine wohl populärsten Schlagworte waren "Zurück nach Afrika" und "Afrika den Afrikanern". Doch 1925 war Garveys Traum zu Ende; er musste im Zusammenhang mit Unterschlagungen bei seiner Schifffahrtslinie Black Star hinter Gitter. Nach zwei Jahren Haft wurde er nach England deportiert und erlangte nie wieder Einfluss. Doch der Garveynismus blieb die populärste Version des Panafrikanismus in der Karibik und wurde lange nach seinem Tod in der Reggae-Szene der siebziger Jahre wiederbelebt. W.E.B. DuBois war eine ganz andere Persönlichkeit als Garvey. Seine Vorstellungen entwickelte er aus sorgfältigen Forschungen über die sozialen Bedingungen der Afro-Amerikaner. Der Mitbegründer der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) gab von 1910 bis 1934 die Zeitung The „Crisis“ heraus. DuBois sah die Probleme der schwarzen Amerikaner und der Afrikaner aus internationalistischem Blickwinkel als Teil eines allgemeinen Kampfes um Gerechtigkeit. Er organisierte 1919 in Paris einen weiteren Panafrikanistischen Kongress, parallel zur Versailler Konferenz, mit der der 1. Weltkrieg beendet wurde. Er hoffte vergeblich darauf, die anwesenden Staatsmänner davon zu überzeugen, die Selbstbestimmungsprinzipien des US-Präsidenten Wilson auch auf Afrikaner anzuwenden.
1.2.5 Harlem Renaissance und NégritudeDuBois organisierte in den Zwanzigern noch drei weitere Kongresse. Doch in den dreißiger Jahren kam der wichtigste Anstoß für den Panafrikanismus auf dem amerikanischen Kontinent aus der Kultur. Die "Harlemer Renaissance" brachte eine ganze Generation von schwarzen Schriftstellern und Künstlerinnen und Künstlern hervor. Sie ließen sich von Afrika inspirieren. Zu ihnen zählten Zora Neal Hurston, Claude McKay, Langston Hughes und Paul Robeson.
Ein weiterer wichtiger Strang des Panafrikanismus war die Négritude-Bewegung. Sie stand in enger Verbindung mit Intellektuellen und Nationalisten in den französischen Kolonien Afrikas und der Karibik. Zu ihnen gehörten Aimé Césaire und Léopold Senghor, der die Negritude 1933 in Paris begründete. Im Mittelpunkt stand die Idee, dass alle Afrikaner und Afrikanerinnen - ob im Exil oder in Afrika - eine gemeinsame "afrikanische Persönlichkeit" teilten. In der Praxis wurde die Négritude eine Bewegung des afrikanischen Nationalismus, vor allem in den französischen Kolonien. Wo ihre Vertreter bei der Unabhängigkeit ihrer Länder an die Macht kamen, wie Senghor 1960 im Senegal, entwickelten sie sich zu Statthaltern einer westlichen und pro-französischen Elite.
Der prominenteste Kritiker der Negritude war der Schriftsteller und Arzt Frantz Fanon aus Martinique. Er brachte seinen Panafrikanismus zum Ausdruck, indem er sich dem anti-kolonialen Kampf in Algerien anschloss.
Beim 5. Panafrikanischen Kongress 1945 führte DuBois, damals 73 Jahre alt, den Ehrenvorsitz, und Amy Ashwood, Marcus Garveys erste Frau, leitete die erste Sitzung. Doch die Fackel hatte bereits eine neue Generation aus Afrika selbst übernommen, darunter Kwame Nkrumah und Jomo Kenyatta. Nkrumah wurde schon bald Stimme und Organisator des Panafrikanismus. In den späten 40er und in den 50er Jahren formulierte er die Idee einer Föderation unabhängiger westafrikanischer Staaten als Grundstein der Vereinigten Staaten von Afrika. Als er im März 1957 der erste Präsident des unabhängigen Ghana wurde, suchte er diese neue Position zu nutzen, um anderen Afrikanern bei der Überwindung kolonialer Grenzen zu helfen und auf die Einheit des Kontinents hinzuarbeiten. Er berief 1958 die Konferenz unabhängiger Staaten, auch wenn es damals erst acht unabhängige Staaten in Afrika gab. Er sprang auch ohne Zögern dem unabhängigen Guinea bei, als dieses von Frankreich abgestraft wurde, weil es sich nicht der post-kolonialen afrikanischen Franc-Zone anschließen wollte. Nkrumah und der Staatschef von Guinea, Sekou Touré, vereinbarten eine Union ihrer Länder, die als Vorbild für die afrikanische Einheit dienen sollte.
1.3 Panafrikanismus versus Nationalismus: am ScheidewegDas war ein Schlüsselmoment für die Entscheidung über Afrikas Zukunft: sollte der Kontinent den Zielen Nkrumahs, Schaffung einer afrikanischen Einheit, folgen oder den Weg der nationalstaatlichen Unabhängigkeit einschlagen? Im allgemeinen waren die ehemaligen französischen Kolonien dem Einheitsgedanken gegenüber distanzierter. Sie zogen es vor, die Verbindungen zu Paris aufrecht zu erhalten. Und so boykottierten sie 1960 die zweite Konferenz unabhängiger Staaten.
Es war die Krise im ehemaligen Belgisch-Kongo, die die Spaltung deutlich machte. Der erste Premierminister des Kongo, Patrice Lumumba, war ein begeisterter Anhänger von Nkrumahs panafrikanischer Vision. Gegen ihn putschten mit Rückendeckung der Bergbaukonzerne und belgischer Truppen Soldaten der Katanga-Provinz, brachten Lumumba in ihre Gewalt und ermordeten ihn. Die Vereinten Nationen entsandten Truppen, die sich auf die Seite von Lumumbas Gegner stellten. Eine Gruppe unabhängiger frankophoner Staaten hielten eine Konferenz in Brazzaville ab und lobten den Einsatz Belgiens und der Vereinten Nationen. Andere unabhängige Staaten trafen sich auf einer Gegen-Konferenz in Casablanca und verurteilten den Einsatz.
Die politische Trennung war offensichtlich. Die Brazzaville-Gruppe glaubte, ein panafrikanischer Sozialismus würde die westliche Welt verschrecken und Hilfen und Investitionen verhindern, die zur Entwicklung nötig wären. Die Casablanca-Gruppe dagegen war der Überzeugung, dass es wichtiger sei, einen gemeinsamen afrikanischen Markt und gemeinsame Institutionen zu entwickeln, als die Hand nach Hilfe aufzuhalten. Eine weitere Konferenz in Monrovia 1961 vermochte die Spaltung nicht zu überwinden.
Die Nationalisten blieben letztlich die Sieger. Es gab zwar noch idealistische Versuche in Richtung Einheit; so etwa die Ostafrikanische Union, in der sich Julius Nyerere von Tansania, Milton Obote von Uganda und Jomo Kenyatta von Kenia auf ein Zusammengehen ihrer Länder verständigten. Doch die Union scheiterte. Es war einfacher, das nationalstaatliche Modell zu übernehmen. Das wurde auch vom Westen favorisiert, und die ehemaligen Kolonialherren achteten darauf, die Macht jenen Eliten zu übergeben, die eine Zusammenarbeit in den alten kolonialen Grenzen garantierten.
An Stelle der Vereinigten Staaten von Afrika, die Nkrumah erträumte, kam 1963 die Organisation für Afrikanische Einheit OAU. Sie erhielt ihren Sitz in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien. Die OAU ist seitdem eine wenig effektive Versammlung von Nationalstaaten. Sie hielt zwar weiter die Idee einer panafrikanischen Union aufrecht, doch praktisch blieb diese für Jahrzehnte ein vergessenes Projekt.
Quelle: afrika süd, gegr. 1972 als informationsdienst südliches afrika.