DDR afrikanische Bruderstaaten (German only)

Leben im Bruderstaat
Über 200.000 junge Menschen aus aller Welt waren bis 1989 eingeladen, sich in der DDR weiterzubilden und den sozialistischen Geist zu verinnerlichen. Für die so genannten Vertragsarbeiter war dies oft der einzige Weg, der Armut ihrer Herkunftsländer zu entkommen. Die DDR konnte mit ihnen billig den Mangel an Arbeitskräften ausgleichen und Wirtschaftspläne erfüllen. Viele blieben – und die DDR wurde für sie zur neuen Heimat.

DW-WORLD.DE erzählt die Geschichte der DDR-Vertragsarbeiter: Wie empfanden sie diese fremde Welt? Was veränderte sich für sie durch den Fall der Mauer 1989 und was ist ihnen vom Leben im Bruderstaat geblieben
Namibia
Kind Nr. 95: Eine deutsch-afrikanische Odyssee

Die Journalistin und Autorin Lucia Engombe, Foto: Ullstein Verlag
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Lucia Engombe: “Kind Nr. 95″
Lucia Engombe war eines der namibischen Kinder, die in die DDR geschickt wurden, um Ausbildung und sozialistische Gesinnung zu erhalten. Sie erlebte eine unbeschwerte Jugend in Ostdeutschland – bis die Mauer fiel.

“Plötzlich hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Ich drehte mich um und sah einen weißen Mann mit zwei Afrikanern auf mich zukommen. Der Deutsche fragte mich: ‘Lucia, willst du mit nach Deutschland fliegen?’ Ich erinnere mich an diese Frage und die Gefühle, die sie bei mir auslöste, deutlich: mein Herz tat vor Freude einen Riesensprung! Obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, was das sein sollte: Deutschland… Endlich durfte ich auch mal fort aus Nyango! Weg von einem Ort, an dem ich stets Hunger und oft Angst hatte. Ich würde ja wiederkommen…”. So erinnert sich Lucia Engombe an den Tag, der Leben veränderte. Darüber schreibt sie in ihrem Buch: “Kind Nr. 95 – Meine deutsch-afrikanische Odyssee”.

Katatura (Township von Windhuk, Namibia), aktuelle Aufnahme, Foto: Anja KochBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Flucht aus der Armut: Für viele war die DDR eine ChanceLucia war sieben; ihre Eltern Freiheitskämpfer bei der SWAPO, der “South West Africa People’s Organization”, die für eine Unabhängigkeit Namibias und gegen die damals bereits 70 Jahre andauernde Besatzung durch Südafrika kämpften. Wie viele, lebten sie in einem Flüchtlingslager in Sambia. Aus diesem Elend heraus zu kommen, war Lucias Traum. Er erfüllte sich am 18. Dezember 1979, als sie mit rund 100 anderen namibischen Kindern in die DDR ausgeflogen wurde.

Eine neue Welt

Nach der Unabhängigkeit würde man eine neue Elite brauchen, so die Überlegungen der SWAPO, darum schickte sie ab den 1970er Jahren mehrere hundert Kinder in die DDR, um sie dort ausbilden zu lassen. Das Zentralkomitee der SED unterstützte das Projekt, schließlich sollten die afrikanischen Völker sich künftig dem Kommunismus und nicht dem Kapitalismus zuwenden, so hoffte man.

Staunend kam Lucia in eine neue Welt: “Das Licht war total anders, in Deutschland gab es Licht und Lampen”, erinnert sie sich an ihre ersten Eindrücke, “hohe große Gebäude, moderne Toiletten; und es gab Früchte, wie Äpfel und Birnen, die ich noch nie im Leben gegessen hatte!”

Die ersten Wörter, die Lucia in Ostdeutschland lernte, waren “Schloss”, denn die namibischen Kinder wurden im Schloss Bellin in Mecklenburg-Vorpommern abgeschirmt unterbracht – und “Schnee”: Für beides gab es in ihrer Sprache Oshivambo keinen Ausdruck, und noch nie hatten die Kinder Schnee gesehen: “Wir dachten, dass sei Zucker und wir sind im Zuckerland!”, erzählt sie. In dem Flüchtlingslager, wo sie aufgewachsen war, war Zucker etwas Seltenes und Begehrtes, “weißes Gold”, sagt sie.

Das Rostocker Fischkombinat bei der Aus- und Weiterbildung von afrikanischen Fischern, Quelle: Bundesarchiv/ Jürgen SindermannBildunterschrift: Junge Namibier erhielten in der DDR ihre Ausbildung – im Gegenzug brachten sie ihre Arbeitskraft ein und verinnerlichen den sozialistischen Geist, so die Überlegung damals. Bundesarchiv:

Unbeschwerte Jugend

Doch sie erinnert sich auch an Heimweh und das sehnsüchtige Warten auf die Briefe ihrer Mutter. Und an “Teacher Jonas”, einen namibischen Erzieher, den die SWAPO als Aufpasser mit nach Deutschland geschickt hatte: Täglich gab es Appelle, sie lernten marschieren, Strammstehen und die SWAPO zu verehren.

1985, nach fünfeinhalb Jahren in Bellin, wechselte Lucias Gruppe an die “Schule der Freundschaft” in Staßfurt. Die jungen Namibier kamen in die Pubertät, sie tanzten und küssten sich und hatten zum ersten Mal Liebeskummer, während sie in der Schule weiter zur zukünftigen Elite Namibias ausgebildet und ideologisch eingenordet wurden: “Seht her, in der DDR braucht keiner zu hungern und es gibt keine Arbeitslosen!”, habe es da immer geheißen, so Lucia. Im Westen hingegen hätten die Menschen herum gelungert, keine Arbeit besessen und obdachlos gewesen. “Die Gegensätze wurden immer hervor gehoben”, erinnert sie sich.

Die ‘Schule der Freundschaft’ in Staßfurt, Foto: Marta BarrosoBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Die “Schule der Freundschaft” in StaßfurtTrotz linientreuem Staatsbürgerunterricht waren Lucia und ihre namibischen Freunde fasziniert vom Westen: Von Whitney Houston und Bruce Springsteen, bis hin zu Bravo und “Bubble Gum”: “Konsumgüter, wie Haribo und Kinderschokolade waren ja ganz selten bei uns”, erzählt sie lachend, “und die Bravo war sehr beliebt bei uns, Doktor Sommer und so… da habe ich gerne drin geschnüffelt!”

Die Welt verändert sich

Doch allmählich veränderte sich die Welt um sie herum: In der Deutschen Demokratische Republik traten ab Sommer 1989 erste Verfallserscheinungen zu Tage; in Afrika entstand ein anderer Staat. “Wir waren von beiden Entwicklungen direkt betroffen. Aber wir bekamen das kaum mit”, erinnert sich Lucia, “denn es geschahen in dieser Zeit so viele Dinge gleichzeitig, und einige widersprachen sich völlig!”

Als immer häufiger der Unterricht ausfiel und immer mehr Lehrer fehlten, merkten sie und ihre Mitschüler, dass sich etwas veränderte: “Unser Staatsbürgerkundelehrer war plötzlich verschwunden, und wir hören, dass er im Westen gewesen war. Er kam zurück und erzählte plötzlich, der Westen sei gar nicht so schlecht… er war wie ausgewechselt!”, erinnert sich díe Namibierin.

Rückkehr in die fremde Heimat

Das Buch von Lucia Engombe: ‘Kind Nr. 95 – Meine deutsch-afrikanische Odyssee’, Cover: Ullstein VerlagBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Das Buch von Lucia Engombe: “Kind Nr. 95″Als schließlich die Mauer fiel, wurden die so genannten “DDR-Kinder” wieder in ihre Heimat geschickt. Für Lucia ging es 1990 nach 11 Jahren zurück nach Namibia, ein für sie mittlerweile fremdes Land. Lucias Enttäuschung war grenzenlos, als sie in ein Auffanglager gewiesen wurde und es tagelang nicht verlassen durfte. Angst habe sie gehabt, vor der ungewissen Zukunft, dass sie in die Armut abrutsche, keine Schule finden und ihre Mutter nicht ausfindig machen würde, sagt sie heute: “Unsere Stimmung war am Boden, wir waren total fertig, und ich habe geheult!”

Aber Lucia war stark. Sie machte ihren Schulabschluss an der Deutschen Schule in Windhoek und studierte Journalistik. Seit fünf Jahren arbeitet sie nun für den namibischen Rundfunksender NBC in der deutschen Redaktion. Und sie moderiert nicht nur auf Deutsch, sie denkt und schreibt auch am liebsten auf Deutsch: “Ich fühle mich deutsch, ich koche deutsch, am liebsten Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei und ich singe ich auf deutsch!”

Seine Identität bekomme man schließlich durch die Vergangenheit und die Erfahrungen, die man mache: “Ich bin Namibierin und Deutsche zugleich”, sagt sie und die Bilanz über ihre Zeit als “DDR-Kind” fällt positiv aus: “Es war eine gute Sache, ich habe eine gute Ausbildung bekommen und gelernt, unabhängig und frei zu denken. Ich bin dankbar, ich kann nur danke sagen!”

Autorin: Barbara Gruber
Redaktion: Ina Rottscheidt

Mosambik
Die “Schule der Freundschaft”


In den 1970er Jahren wurde in der kleinen Stadt Staßfurt in Sachsen-Anhalt die “Schule der Freundschaft” gegründet. Hier sollten hunderte mosambikanische Kinder eine Schul- und Berufsausbildung bekommen.

Präsident Samora Machel hat einmal gesagt, Schüler sollen wie Tomaten sein”, erinnert sich Heinz Berg, er erzählt gerne. Über die “Schule der Freundschaft” spricht er so, als wäre sie vor kurzem erst eingeweiht worden. Berg war dort Internatsleiter, 20 Jahre ist das her. “Wenn die Tomate reif ist”, so Berg weiter, “platzt sie und die Kerne fliegen überall hin! So ungefähr hatte sich das zumindest die mosambikanische Seite vorgestellt.”

Die Vorstellung von reifen Tomaten, die Samora Machel, der erste Präsident Mosambiks und Anführer der sozialistischen Frelimo-Partei hatte, passte nur zu gut zu dem Projekt “Schule der Freundschaft”. Joachim Scheuermann war Physiklehrer im “Objekt Mosambik”, wie die Schule der Freundschaft damals genannt wurde. Für ihn war die Schule so, wie sich die Frelimo-Partei das ausgemalt hatte: “Sie dachten: ‘Wir schicken unsere Kinder nach Staßfurt in der DDR. Dort erhalten sie eine Schul- und eine Berufsausbildung. Dann kommen sie wieder nach Mosambik und bauen die Industrie auf’”, erinnert er sich.

Honecker-Bild zur Begrüßung

Heinz Berg (vorne links) bei der Vergabe der Gruppen am ersten Tag. Autor: Marta BarrosoBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Devotionalien zur Begrüßung: Heinz Berg am ersten SchultagDDR-Staatschef Erich Honecker hatte 1979 auf einer Afrika-Reise auch Mosambik besucht. Als er zurückkam, hatte er diverse Freundschafts- und Kooperationsverträge im Gepäck, darunter auch das Projekt “Schule der Freundschaft”. 899 mosambikanische Kinder sollten demnach vier Jahre lang eine Schulausbildung in der DDR bekommen und anschließend zwei Jahre lang einen Beruf erlernen: als Koch, als Elektriker oder als Wäscherin, insgesamt 40 Berufe standen zur Auswahl.

Bei ihrer Ankunft hätten die Schüler allerdings noch nicht einmal ihre Zimmer zu sehen bekommen, sondern seien sofort zum Appell geführt worden, erinnert sich Heinz Berg lachend: “Und zur Begrüßung bekamen sie nicht etwa eine Scheibe Brot mit Salz zum essen, sondern ein Honecker-Bild!”

Schule mit Symbolcharakter

Die Einrichtung wurde zum Lieblingsprojekt von Graça Machel, der Ehefrau des mosambikanischen Präsidenten und damaligen Bildungsministerin des Landes. Wo heute der Parkplatz der Schule ist, hatte Graça Machel einst zusammen mit Margot Honecker zwei Bäume gepflanzt, denn die Schule war ein offizielles Symbol der internationalen Solidarität.

Doch auch der DDR sollte sie Vorteile einbringen, insbesondere wirtschaftlicher Art: Der sozialistische Staat plante, in mosambikanische Großprojekte zu investieren. Und in diesen Projekten, entsinnt sich Physiklehrer Joachim Scheuermann, sollten die Schulabsolventen eingesetzt werden. “Sie sollten eigentlich Mosambik aufbauen, die Industrie, einzelne Betriebe. Und sie sollten leitende Mitarbeiter werden, die ihre Kenntnisse, die sie bei uns erworben haben, dort umsetzen.” Hinzu kam, dass die DDR kostengünstig Produkte aus dem sozialistischen Bruderstaat importierte, wie etwa mosambikanische Steinkohle.

Nach der Ausbildung in den Krieg
Der ehemalige Schüler Custódio Tamele und Physiklehrer Joachim Scheuermann, Foto: Marta BarrosoBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Gemeinsame Erinnerungen: Der ehemalige Schüler Custódio Tamele und Physiklehrer ScheuermannMit dem Tod von Präsident Samora Machel 1986 begann jedoch das letzte Kapitel der “Schule der Freundschaft”: Vor dem Hintergrund von Bürgerkrieg und Wirtschaftskrise änderte Mosambik seinen politischen Kurs und entfernte sich immer mehr vom Sozialismus: “Es ist dann nicht das Ergebnis heraus gekommen, was man sich vorgestellt hat,” erinnert sich Joachim Scheuermann noch heute mit etwas Wehmut.

1988, bereits ein Jahr vor dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der DDR, ging das “Projekt Schule der Freundschaft” zu Ende. Die erste Generation der mosambikanischen Jugendlichen war mit ihrer Ausbildung fertig und kehrte in ihr Heimatland zurück. Doch da erwartete sie zunächst keine rosige Zukunft: Mosambik führte immer noch Krieg und an die geplanten Aufbaumaßnahmen war nicht zu denken. Stattdessen wurden die Jugendlichen am Flughafen in der Hauptstadt Maputo abgeholt und direkt in die Armee eingezogen, ohne ihre Familien gesehen zu haben. Nach Staßfurt wurde keine neue Generation mosambikanischer Schüler mehr geschickt.

Autorin: Marta Barroso
Redaktion: Ina Rottscheidt

Benin
Der Voodoo-Prinz von Tempelhof


Als Student der Verkehrsplanung kam Alain Maurice Bokpe aus dem sozialistischen Benin in die DDR. Heute ist er Voodoo-Meister mit Prinzentitel – und verkauft Voodoo-Reisen in seine Heimat.

Einen afrikanischen Prinzen und Voodoo-Meister stellt man sich anders vor. Gänzlich unexotisch sitzt der Würdenträger an einem verregneten Dienstagvormittag im grauen Anzug in seinem Büro mitten im Industriegebiet von Berlin-Tempelhof. Nur die Fotos an der Wand erzählen von seinem anderen Leben: Sie zeigen ihn in weißen Gewändern, umgeben von Menschentrauben; Hände schüttelnd mit deutschen Politikern und bunte, weit in die Vergangenheit zurückreichende Stammbäume. Er nennt sich “Prinz Alain-Maurice Kodjo Dah Bokpe von Allada”, sein Königreich heißt Alladahonou und liegt im Süden des Benin. Drei Millionen Menschen gehören zu seinem Volk. Doch ahnungslose Kunden oder Nachbarn in Tempelhof nennen ihn nur “Herr Bokpe”. Und der grüßt immer freundlich.

Rückblende 1981: Als Alain Maurice Bokpe kam er mit einem Stipendium nach Gotha und studierte dort Bahn-Ingenieurwesen. Seine Heimat war 1975 in die “Volksrepublik Benin” umbenannt und der Marxismus-Leninismus zur Staatsideologie erklärt worden. Zur DDR entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen, man schickte junge Menschen zur Ausbildung nach Ostdeutschland.

Kulturschock

Der damals 19-jährige Bokpe war einer von ihnen, “ich wollte etwas Anderes machen als die Anderen”, erzählt er heute über seine Motive. Über Deutschland wusste er damals nicht viel, nur “dass die Männer alle einen Bart tragen und die Frauen so groß sind”, erinnert er sich. Der Kulturschock kam prompt: “Bei uns ist es Tradition, sonntags vor der Kirche nichts zu essen”, erzählt er von seiner ersten Zeit in Gotha, der junge Student war zum Mittagessen eingeladen: “Ich hatte also großen Hunger, als ich aus der Kirche kam. Mein Freund hatte gekocht und es roch so lecker!” Doch Bokpe war es gewohnt, dass sich der Gast zieren muss und die Aufforderung zu Essen, mehrfach höflich ablehnt, bis der Gastgeber insistiert und es ihm quasi aufdrängt. “Er fragte mich, ob ich essen möchte: Ich sagte: ‘nein’ und er fragte nicht wieder und aß alles alleine auf! Ich war geschockt!”, erzählt er heute lachend. “Danach habe ich immer sofort ‘ja’ gesagt!”

In der DDR lernt er auch seine spätere Frau Annette aus dem süd-thüringischen Tabarz kennen. Die beiden begegnen sich im Zug nach Ostberlin, finden Gefallen aneinander, ein Jahr später sind sie verlobt, kurz darauf kommt die erste Tochter zur Welt. Sie richten sich ein Leben in Ostberlin ein: Sie baut ein kleines Reiseunternehmen auf, er fährt Taxi und tingelt zwischen Ost- und Westdeutschland hin und her – bis zum 9. November 1989: Für Bokpe ein Grund zur Freude – aber auch das Scheitern einer großen Idee: “Als ich in die DDR kam, hatte ich Ideale, denn Benin war ja auch sozialistisch und theoretisch war der Marxismus-Leninismus etwas Positives”, sagt er heute mit Bedauern.

Zum Internationalen Studententag (17.11.) – 350 ausländische Studenten aus 36 Ländern studieren zur Zeit an der Technischen Hochschule Ilmenau. Im Praktikumslabor erarbeiten der wissenschaftliche Assistent Wolfgang Eckardt, Arnel Akle aus Benin, Slavomir Topyla aus der VRP und Pham Nguyen Long aus der SRV (vlnr) Studienprogramme zur Steuerung von realen Vorgängen. Sie gehören zum wissenschaftlichen Bereich der Sektion Technische und Biomedizinische Kybernetik der TH,

Die persönliche Wende

Er erlebte seine persönliche Wende 1997, als er auf Heimaturlaub in Benin war: Bewohner der Provinz Allada erkennen in ihm den seit langem angekündigten neuen Herrscher und krönen ihn im Handumdrehen zu ihrem Prinzen. In Benin gibt es zahlreiche Königshäuser, die aus der Zeit vor der französischen Kolonialisierung stammen. Prinzen und Könige haben dabei wenig mit europäischen Monarchen zu tun, sie sind vielmehr Stammeshäuptlinge von Clans, die im Land das Sagen haben.

Auch religiöse Funktionen hat Bokpe, den Begriff “Voodoo-Prinz” mag er allerdings nicht so gerne: “Ich stamme von einem Land, das die Wiege des Voodoo ist, doch hier denken die meisten Menschen an Puppen, schwarze Magie und geköpfte Hühner. Aber Voodoo ist eine Lebensart, eine Religion!”

Der Platz des Prinzen ist heute in Berlin. Teilweise zumindest. Hier ist er der Generalbevollmächtigte für Europa-Angelegenheiten des Königs von Allada und der internationale Exekutivsekretär der Diplomatenakademie Afrikas. Und nebenher führt er sein Reisebüro in Tempelhof und verkauft Voodoo-Reisen nach Benin. Und mehrfach im Jahr tauscht er seinen Anzug gegen ein Voodoo-Gewand und herrscht in seinem Tempel am Strand von Benin. Dort, so erzählt er, tragen hübsche Frauen ihm stets einen Sonnenschirm hinterher.

Autorin: Ina Rottscheidt
Redaktion: Carolin Hebig

Über 200.000 junge Menschen aus aller Welt waren bis 1989 eingeladen, sich in der DDR weiterzubilden und den sozialistischen Geist zu verinnerlichen. Für die so genannten Vertragsarbeiter war dies oft der einzige Weg, der Armut ihrer Herkunftsländer zu entkommen. Die DDR konnte mit ihnen billig den Mangel an Arbeitskräften ausgleichen und Wirtschaftspläne erfüllen. Viele blieben – und die DDR wurde für sie zur neuen Heimat.

DW-WORLD.DE erzählt die Geschichte der DDR-Vertragsarbeiter: Wie empfanden sie diese fremde Welt? Was veränderte sich für sie durch den Fall der Mauer 1989 und was ist ihnen vom Leben im Bruderstaat geblieben?

Mosambiks enttäuschte Rückkehrer

Mosambik, Maputo: ehemalige mosambikanische DDR-Gastarbeiter (sogenannte Madgermanes) protestieren in der Hauptstadt Maputo für die Auszahlung ihrer in der DDR erworbenen Sozialabgaben. Bis heute protestieren Mosambiks einstige DDR-Vertragsarbeiter Rund 20.000 junge Mosambikaner wurden in den 1970er Jahren in die DDR geschickt. Sie sollten dort zur neuen Elite ihres Landes ausgebildet werden. Doch von dieser Hoffnung blieb nicht viel übrig.

Jeden Mittwoch versammeln sie sich im Park “Jardim Vinte e Oito de Maio” im Zentrum Maputos, schwenken Deutschland-Fahnen, reden über vergangene Zeiten und demonstrieren für mehr Geld: Auch 20 Jahre nach ihrer Rückkehr in die Heimat treffen sich die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter dort. “Madgermanes” werden sie genannt, eine Verballhornung des Begriffs “Made in Germany”. Bis heute gelten sie als eine der politisch aktivsten Gruppen Mosambiks. Sie eint die Erinnerung an die gemeinsame Zeit in der DDR, aber auch der Frust über ihre Rückkehr nach dem Fall der Mauer.

Solidarität oder Eigennutz?

Ihre Geschichte begann am 24. Februar 1979, als die DDR und die damalige Volksrepublik Mosambik, beim Besuch des damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in Maputo, einen Vertrag zum Austausch von Vertragsarbeitern unterschrieben: Ein Zeichen der Völkerverständigung und gegenseitigen Solidarität, wie beide Seiten damals betonten.

Der Vertrag war nicht uneigennützig: Das vom Bürgerkrieg zerstörte Mosambik erhoffte sich qualifizierte Facharbeiter zum Aufbau einer Industrie und wollte Devisen erwirtschaften, um die Schuldenberge, die es im Handel mit der DDR aufgetürmt hatte, abzutragen. Die DDR ihrerseits bekam die dringend benötigten Arbeitskräfte.

Insgesamt 20.141 Mosambikaner kamen in die DDR um dort zu arbeiten, doch nach dem Fall der Mauer 1989 und dem Kollaps des sozialistischen Wirtschaftssystems wurden sie nicht mehr gebraucht: Am 28. Mai 1990 änderten die DDR und Mosambik das Entsende-Abkommen und in den Folgemonaten kehrten fast alle Mosambikaner in ihre Heimat zurück.

Demonstrationen im Park ‘Jardim Vinte e Oito de Maio’, Foto: Friedrich StarkBildunterschrift: Jeden Mittwoch treffen sich die so genannten “Madgermanes” im Zentrum Maputos, um für die Auszahlung ihrer in der DDR erworbenen Sozialabgaben demonstrieren.

Einzug des Kapitalismus

Einer von ihnen ist Eusébio Demba, der 1980 nach Deutschland gekommen war und nach einem achtmonatigen Deutschkurs im sächsischen Marienberg für das Motorenwerk Zschopau MZ als Übersetzer gearbeitet hatte.

Eigentlich hätten die mosambikanischen Vertragsarbeiter mit ihrem in Deutschland erworbenen Wissen den Sozialismus in Mosambik stärken sollen. Doch als sie nach dem Mauerfall heimkehrten, hatte auch in Mosambik der Kapitalismus Einzug gehalten, erinnert sich Eusébio: “Hier gab es die gleichen Veränderungen, die wir in Deutschland miterlebt hatten.“

Eusébio Demba, Quelle: Wortberg/DEDBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Eusébio Demba kam 1980 ins sächsische Marienberg Bereits vor dem Fall der Mauer hatte sich Mosambik den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank angenähert. Nach 1987 übernahm die ehemals sozialistische Front für die Befreiung Mosambiks “Frelimo” (“Frente de Libertação de Moçambique”) zunehmend marktwirtschaftliche Prinzipien und schaffte die Planwirtschaft ab.

Rückkehr in den Bürgerkrieg

Zudem herrschte in Eusébios Heimat immer noch Bürgerkrieg, der bis 1992 fast eine Million Menschen das Leben gekostet und fünf Millionen Menschen heimatlos gemacht hatte. Keine guten Voraussetzungen, um mehrere tausend Rückkehrer aus der DDR zu empfangen, erinnert sich Eusébio: “Die Regierung war mit dem Krieg beschäftigt, die Heimkehrer aus Deutschland waren ein vergleichsweise kleines Problem”, sagt er.

Eusébio Demba hat in den vergangenen Jahren im deutsch-mosambikanischen Kulturinstitut ICMA, dem Goethe-Zentrum von Maputo, gearbeitet, wo er seine Deutschkenntnisse gut anwenden konnte. Darum zieht er auch ein positives Fazit seiner Zeit in der DDR: “Unser Aufenthalt war schon ein Privileg”, sagt er, denn das Erlernte sei für viele wichtig gewesen: Nicht nur in Bezug auf die Sprache, sondern auch auf die Kultur, die Produktionsprozesse und die Einstellung zur Arbeit.

Doch nicht alle hatten so ein Glück: Viele hätten es nicht geschafft, sich sozial und wirtschaftlich wieder einzugliedern, sagt Eusébio Demba. Sie litten unter Arbeitslosigkeit und fühlten sich in die hintere Reihe zurückgedrängt – das sei die negative Seite des Deutschland-Aufenthaltes.

Mosambikanerinnen bei der Berufsausbildung in der Textilindustrie beim VEB Frottana Großschönau (Landkreis Löbau-Zittau) Über 20.000 Mosambikaner wurden in die DDR geschickt. Dort sollten sie eine gute Ausbildung bekommen und ihrem Land später beim Wiederaufbau helfen. Für viele erfüllten sich die Hoffnung auf ein Elite-Dasein nicht.

Streit ums Geld

Eine von ihnen ist Judite Armando, die 1980 im Alter von 18 Jahren nach Ilmenau geschickt wurde, um im “Volkseigenen Betrieb Elektroglas” zu arbeiten. Sie musste dafür ihre Schulausbildung unterbrechen, während ihre damaligen Klassenkameraden den Abschluss machten, studierten und heute gut bezahlte Jobs haben. “Ich dagegen habe ein miserables Leben”, lautet Judites ernüchternde Bilanz. Sie musste ihren Aufenthalt abbrechen, weil sie schwanger wurde – so sahen es die Regeln für die Vertragsarbeiter damals vor. “Ich bin nach meiner Rückkehr in eine sehr schwierige Lage gekommen, ich konnte nicht einmal meine Habseligkeiten aus Deutschland mitbringen, weil alles so schnell gehen musste”, erinnert sie sich.

In der DDR war ihr, wie allen Vertragsarbeitern, ein Teil des Gehaltes abgezogen und an die mosambikanische Regierung überwiesen worden, das ihnen nach der Rückkehr in die Heimat ausgezahlt werden sollte. Doch bis heute streiten sich die ehemaligen Vertragsarbeiter mit dem Arbeitsministerium: Dabei geht es vor allem um den Wechselkurs. Die Regierung will zum nominalen Tauschkurs auszahlen, der aber durch die hohe Inflation in Mosambik inzwischen stark entwertet wurde. Die ehemaligen Vertragsarbeiter dagegen verlangen hingegen einen Inflationsausgleich.

Judite Armando ging sogar leer aus: Selbst wer nur sechs Monate geblieben sei, habe Anrecht auf Rückzahlungen, empört sie sich. “Ich war zwei Jahre dort! Wie ist es dann möglich, dass ich überhaupt nichts bekomme?”, fragt sie.

Die Bewegung der “Madgermanes”

Bürgerkrieg in Mosambik (Archiv 1983, Foto: ap)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Der Bürgerkrieg in Mosambik von 1977 bis 1992 hinterließ ein zerstörtes Land.Diese Gelder sind einer der Streitpunkte der “Madgermanes”, die sich jede Woche im “Jardim Vinte e Oito de Maio” treffen. Zum Höhepunkt ihrer Proteste im Jahr 2004 waren sie sogar ins Parlament eingedrungen und hatten für drei Tage die Deutsche Botschaft besetzt gehalten. Inzwischen hat ihre Bewegung an Kraft verloren, die “Madgermanes” sind in zahlreiche kleine, untereinander konkurrierende Verbände gespalten. Das Arbeitsministerium Mosambiks erklärt, es gäbe nichts mehr zu verhandeln, alle Berechtigten hätten ihr Geld erhalten. Die “Akte Madgermanes” sei geschlossen, sagt die Arbeitsministerin Helena Taipo.

So wie Judite Armando warten 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zahlreiche ehemalige mosambikanische Vertragsarbeiter immer noch darauf, dass ihr Potential entdeckt wird. Einige von ihnen konnten bei deutschen Institutionen unterkommen, manche haben es an anderer Stelle geschafft, ihre in der DDR erworbenen Kenntnisse einzusetzen. Viele aber schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben oder sind arbeitslos. Ein hartes Schicksal für diejenigen, die eigentlich die Elite des Mosambiks werden sollten.

Autor: Johannes Beck