Kamerun – Wohin mit dir, Paul Biya? (German only)
„Kamerun, das ist nicht mehr Kamerun,“ ruft Kamga Djoumo Patrick, ein 48-jähriger Vater von drei Kindern. Er hat gerade beobachtet, wie hunderte Jugendliche die Gewehre einer Polizeieinheit an sich rissen, die Polizisten entkleideten, Uniformen, Schuhe und Helme in Brand setzten und sie zwangen, um das Feuer zu tanzen und zu singen: „Präsident Paul Biya muss gehen“.
Wenige Stunden vorher hatte die Polizeieinheit mit scharfer Munition auf Steine werfende Jugendliche geschossen und mindestens sieben getötet. Das geschah in Duala, der Wirtschaftsmetropole Kameruns. In mindestens fünf der zehn Provinzen Kameruns hat die Macht der Bevölkerung ein 4-tägiges Durcheinander von erstaunlichem Ausmaß entfesselt. Doch die blutige Gewalt ist nur die Spitze des Eisbergs im Kamerun von heute. In mehr als 20 Jahren an der Macht hat der 75-jährige kamerunische Präsident Paul Biya mit der Verfassung gespielt, als sei es ein wertloses Stück Toilettenpapier.
Und erneut versucht seine regierende Partei CPDM, Biya über die Wahlen 2011 hinaus zum Präsidenten auf Lebenszeitzu machen. Die Elite der CPDM, voll von Dieben von Staatseigentum, hat Angst vor Gerechtigkeit. Laut Emmanuel, einem hohem Beamten in einer ausländischen Botschaft in Kamerun, liegen die Ursachen der aktuellen Unruhen viel tiefer als der Ärger über gestiegene Benzinpreise oder der Versuch, die Verfassung zu ändern. „Im Gegensatz zu dem, was der Welt erzählt wurde,“ sagt Emmanuel, „ist der wirtschaftliche und politische Unterschied zwischen Mugabes Simbabwe und Kamerun nur gering. Leider sprechen die westlichen Länder und ihre Medien nicht über Kamerun, weil es keine Weißen und keine Landreform gibt.“
Für Emmanuel waren die Unruhen ein Ausdruck aufgestauter Wut und Hoffnungslosigkeit wegen systematischer Täuschung und Wahlbetrug. „Was den Jugendlichen geraubt und zerstört wurde, ist nur ein Billionstel dessen, was Kameruns Wirtschaftskriminelle erbeutet und in ausländischen Nummern-Konten versteckt haben. Das ist der wahre Grund des Ärgers der gesamten Bevölkerung, nicht nur der Jugendlichen“. Gedeckt von Biya haben Finanzverbrecher die reiche Wirtschaftsmacht Kamerun zerstört, Offiziere, Zoll und Fiskus, eine auserwählte Gruppe, die sich für unantastbar hält und die Biya an der Macht halten möchte.
Die Kameruner hatten gehofft, dass nach dem Ende der Schuldenkrise hunderte von Millionen Dollar jährlich in Erziehung, Gesundheit, Infrastruktur und Arbeitsplätze investiert werden, doch das ist bis heute nicht der Fall. Kamerun bleibt durch korrupte Praktiken gefesselt. Aber Kamerun hat seine Stärken, gut ausgebildete Arbeiter und Manager, einen Überfluss an Energie, ausgiebige Wasservorräte, reiche landwirtschaftliche Möglichkeiten und viele Bodenschätze. Dennoch schließen viele Investoren schließen ihre Geschäfte. Nach Neils Marquardt, früherer Botschafter der USA in Kamerun, braucht man in Kamerun atemberaubende 51 Tage, um alle notwendigen Genehmigungen für den Import eines Containers zu bekommen.
Obwohl sich die Unruhen etwas gelegt haben, bleibt die Spannung in Kamerun hoch. Ordnungskräfte verhaften ohne erkennbare Rechtfertigung. Hunderte Jugendlicher wurden zu Strafen zwischen 2 Monaten und 15 Jahren verurteilt und in Gefängnisse im ganzen Land verteilt. Trotz der Konzessionen des Präsidenten, die Beamtengehälter um 15% und das Wohngeld um 20% zu erhöhen, bleiben viele Güter des täglichen Bedarfs für die Bevölkerung unerreichbar. Während drei Viertel der Kameruner von weniger als einem Dollar pro Tag leben, reisen der Präsident und seine Frau auf Kosten der Steuerzahler mit einem gemieteten Jumbo für 1 Milliarde CFA (ca. 1,5 Mio. Euro).
Präsident Paul Biya lässt sich gerne Lügen erzählen und seine Minister haben ihm diesen Gefallen getan. Aber wenn eines Tages die Wahrheit ans Licht kommt, wird es ein weiteres Feuer geben und das wird sogar für seinen Stuhl zu heiß sein. Schon gibt es die überschäumende Wut von über 100 Familien, deren Kinder durch Kugeln getötet wurden, und von hunderten mehr, deren Kinder ins Gefängnis kamen.
Wohin mit dir, Paul Biya?